Das Störfeld in Diagnostik und Therapie

 

Buchrezension : Aurikulomedizin im Doppelpack

von Beate Strittmatter,
Hippokrates-Verlag 1998, 268 Seiten, 150 Abbildungen, 5 Tabellen.
ISBN 3-7773-1274-6   DM 99.-/EURO 50.62
Aurikulomedizin nach Nogier von Rudolf Helling und Marianne Feldmeier
Hippokrates-Verlag 1999, 104 Seiten, 25 Abbildungen
ISBN 3-7773-1363-7 DM 64,90/ÖS 473/SFr 58,50

Um es vorweg zu sagen: Wer sich mit auriculo-medizinischer Diagnostik und Therapie beschäftigt, kommt um beide Bücher nicht herum.

Beide sind in ihrer Art sehr lesenswert.

Doch erwarten den Leser einige Überraschungen.

Das schon lange avisierte Buch von B. Strittmatter erfüllt die Aufgaben einer umfassenden Erörterung von Störfeldern zumeist mit Bravour, besonders im Hinblick auf die zentrale Stellung des Herd- und Störfeldgeschehens bei chronifizierten Leiden und ist sehr empfehlenswert.

Wenn ich einige Unzulänglichkeiten etwas überbetont herausstelle, ist dies konstruktiv gemeint für eine weitere Auflage.

Neben den Grundlagen und den vielfältigen Störherd–Möglichkeiten wird den verschiedenen aurikulomedizinischen Diagnose- und Therapieverfahren ein breiter Raum gegeben, besonders dem Hauptdiagnoseverfahren des    V. A. S. (Vaskulär Autonomes Signal), das seinem Entdecker zu Ehren als Nogier-Reflex bezeichnet wird.

Auch zahlreiche Fallbeispiele wie andere Einsatzmöglichkeiten (außer Störfeldern) werden aufgeführt, abgeschlossen von vielen Zeichnungen und Erklärungen Störfeld-relevanter Punkte.

Das Buch ist m. E. primär als eine Homage an Bahr anzusehen, wobei immer wieder (über)- betont wird, daß die systematische Aurikulodiagnose als „beste Methode“ anderen gegenüber überlegen ist, da z. B. „keine der Testmethoden“ „die Graduierung eines gefundenen Herdes oder die so wichtige Feststellung des Hauptherdes“ (Seite 42) ermögliche.

Daß dem nicht so ist, wissen nicht nur die Elektroakupunkteure, sondern auch die Kinesiologen, besonders die zahnärztliche Physioenergetik.

Überhaupt scheint – trotz des Bezuges auf die Matrix-Forschung – bezüglich der Herd- und Störfeld-Aussagen einiges zu sehr auf das Denken der Aurikulomedizin beschränkt zu sein.

Strittmatters Verwunderung über die „Selbstverständlichkeit“, mit der behauptet wird, daß „80 Prozent aller Herde“ im ZMK-Bereich liegen, was sie darauf zurückführt, daß „der Autor doch letztendlich nur die Störfelder beurteilen“ kann, „die sich mit Hilfe seiner Testverfahren auch wirklich erfassen lassen“ (Seite 43) – läßt sie für die Aurikulodiagnose und –therapie außer acht.

Bezüglich wurzelbehandelter Zähne schreibt sie einerseits, daß Desinfektion und mehrmaliges Spülen wichtig sei, „so daß sämtliche Keime beseitigt werden“ (Seite 19), andererseits führt sie einige Zeilen später (Seite 19) richtigerweise aus, daß „immer Eiweißzerfallprodukte übrig“ bleiben, „ die für das umliegende Gewebe (und je nach Menge auch für die Leber) eine Belastung darstellen.“

Bei ihrem (richtigen aber aufgrund der vorherigen Aussagen zunächst unvermittelten) Resümee diesbezüglich, „daß nicht jeder tote Zahn stört und damit auch nicht jeder devitale (wurzelgefüllte oder nicht wurzelgefüllte?, Anmerkung des Rezensenten) Zahn entfernt werden muß“ (Seite 20), fehlt m. E. der Hinweis auf die Berücksichtigung der Vorbelastung und des Zeitfaktors.

Daher wundert es, daß sie bei Wurzelresten resümiert, daß sie „in der Regel entfernt werden“ müssen (Seite 22), da sie „im Test ... fast immer als Herd“ erscheinen.

Bei den retinierten Achtern muß man nach Strittmatter austesten, ob sie ein Störfeld sind, da „nicht jeder retinierte Weisheitszahn stört“.

M. E. fehlt auch hier der Hinweis auf den Zeitfaktor und vor allem auf die suprarenale Defizienz (die Yang-Nierenschwäche), bei der  ein retinierter Achterbefund als Symptom der Grundkrankheit anzusehen ist.

Nicht ganz nachvollziehbar ist (Seite 24), warum sie die Forderung nach Ausfräsung der Alveole nur auf Zähne mit radikulären Zysten beschränkt haben will und nicht auf jeden devitalen Zahn bezieht (denn dort ist es nicht erwähnt).

Ihre Einschränkung, daß entzündliche Gewebe „manchmal nur durch Auskratzen bzw. Ausfräsen der Wundhöhle entfernt werden“ kann, müßte m. E. ebenfalls korrigiert werden.

Bei der chronischen Ostitis (Seite 24) hätte ein Hinweis auf die NICO (Neuralgia inducing cavitational Osteonecrosis) nach Bouquot bzw. die Arbeiten von Lechner über die chronische Kieferostitis für die schulmedizinisch orientierten Kollegen ihre Beurteilung abgerundet und diesen Kollegen die Möglichkeit zum Umdenken gegeben.

Wichtig ist m. E., daß Frau Strittmatter betont, daß „nur eine Struktur mit echter Störherdwirkung ... einen aktiven Korrespondenzpunkt an der Ohrmuschel“ (Seite 41) aufweist.

Auch der Notwendigkeit der Durchführung der Voruntersuchungen wird ein breiter Raum gegeben, da z. B. die Oszillation, daß heißt die dauernde Umschaltung zwischen Sympathikus und Parasympathikus und die Inversion, daß heißt die Reflexumkehr zwischen Kopf und Körper, meist bedingt durch eine Blockade der ersten Rippe, absolute Diagnose- und Therapiehindernisse sind, wie es auch in der zahnärztlichen Physioenergetik gehandhabt wird.

Für Amalgam als Sonderfall eines Störfeldes, dessen Wichtigkeit bei chronisch therapieresistenten Patienten, besonders bei Morbus-Crohn-Patienten dargestellt wird, wird der Punkt Omega 1 als Hinweis gegeben, während für die von Bahr gefundenen anderen fünf Störfeldtypen besondere Störfeldhinweispunkte – je nach Händigkeit des Patienten – an den Ohren und Händen zu finden sind.

Über die fünf Typen erfolgt gleichzeitig eine Hierarchisierung der Störfelder, so daß man immer mit dem gefundenen Höherwertigen beginnen muß.

Dabei ist das „Histamin-Störfeld“ (= akutes toxisches Störfeld) das wichtigste und das „Lateralitätssteuerstörfeld“ das schwächste.

Auch auf die psychischen Störfelder wird genau, wenn auch etwas kurz gegenüber den somatischen, eingegangen, wobei z. B. eine larvierte Depression sich oft als Kreuzschmerzen manifestieren kann.

Wenn nach aurikulomedizinischer Therapie keine Besserung von Beschwerden eintritt, so können nach Strittmatter verschiedene Gründe dafür verantwortlich sein, wie Verfehlen des Hauptherdes und/oder das ungenaue Stechen der Akupunkturnadel, oder die ungenügende Berücksichtigung der Symptomatik bzw. die massiven anatomischen Veränderungen.

Wichtig ist auch der Hinweis, daß eine Erstverschlimmerung, die mehr als ein paar Tage anhält, ein Zeichen einer Neurose ist.

 Nach dem Lesen des Buches von Strittmatter ist man gespannt auf das aus dem Jahre 1999 stammende Zweitwerk des gleichen Verlages über die Aurikulomedizin, in dem man eine Fortsetzung der Thematik – über das Störfeldgeschehen hinausgehend – erwartet.

Dabei erfolgt die erste Überraschung, denn dieses Buch ist schon vom Umfang her dünner und beim näheren Lesen entpuppt es sich als zweite Überraschung fast bzw. oft als „Antibuch“ zum ersten, in dem zusammenhängend viele Forschungen der Bahr-Schule (sie wird allerdings nicht namentlich genannt) nicht nur in Frage gestellt werden, sondern sogar als Irrtum dargestellt werden.

So erfährt man von Helling und Feldmeier, „daß es das vielzitierte positive und negative V. A. S.-Phänomen nicht gibt. Es gibt nur ein V. A. S.-Phänomen oder es gibt kein V. A. S.-Phänomen“ (Seite 56).

Außerdem ist „das V. A. S.-Phänomen ... hierbei als Nebenerscheinung aufzufassen“ (Seite 7).

Die Geburtsstunde der Aurikulomedizin wird dargestellt als Entdeckung der Photoperzeption zusammen mit der Entdeckung des V. A. S.-Phänomens, wobei „die Namensgebung, die auf falschen Annahmen eines Schülers von Paul Nogier beruht, ... bis heute geblieben“ (Seite 7) ist.

Auch sonst merkt man beim Lesen m. E., daß man sich bewußt von der Aurikulotherapie distanzieren will und dabei m. E. etwas übereilt ein Buch geschrieben hat, um sich als legitimere, authentische Nachfolger Nogiers darzustellen.

Nach Ansicht von Helling und Feldmeier besteht „der Unterschied zwischen Aurikulotherapie und Aurikulomedizin ... u. a. darin, daß letztere das sichere Tasten des V. A. S. sowie die Berücksichtigung der kutanen Photoperzeption und Lateralität einschließt. Somit ist der therapeutische und diagnostische Rahmen unter Einbeziehung der Aurikulomedizin wesentlich erweitert“ (Seite 64).

Weiter liest man: „Die aurikulomedizinische Diagnostik der Lateralität ist abhängig von der Photoperzeption der Haut“ (Seite 56). Wegen der Wichtigkeit des Begriffes Photoperzeption war ich als Leser gespannt zu erfahren was das nun ist, aber ich mußte bis Seite 65 warten, ehe es erläutert wurde. Es ist die Fähigkeit der Haut, elektromagnetische Wellen zu empfangen, so daß sie somit die Funktion eines Radars hat.

„Die kutane Photoperzeption ist unabdingbar für die Aurikulomedizin, jedoch gibt uns das V. A. S.-Phänomen die Möglichkeit kutane Photoperzeptionen und deren Störung zu diagnostizieren.“

Auch die Erklärung und Bestimmung der Lateralität als zweitem wichtigen Kennzeichen der Aurikulomedizin, läßt bis Seite 51 auf sich warten, wobei sie dort definiert wird „als Seitigkeit oder auch Händigkeit eines Menschen, die wiederum Ausdruck seiner motorischen Dominanz im Gehirn ist“.

Aber – so erfährt man auf Seite 52 –sie ist „in Bezug auf die motorische Dominanz nur ein Mosaikstein im komplexen Bild der Gehirngesamtfunktionen und die gestörte Lateralität ist somit weit mehr als eine gestörte motorische Dominanz“.

Was dieses „mehr“ jedoch ist, wird relativ langatmig dargestellt.

„Das Problem der Lateralität ist, was die Aurikulomedizin betrifft, jedoch nicht allein an die Händigkeit oder Seitigkeit des Patienten gebunden, sondern auch an das, was wir als „zerebrale Ausgeglichenheit“ bezeichnen können“ (Seite 54).

„Bei der aurikulomedizinischen Diagnostik der Lateralität bzw. der Lateralitätsstörung darf nicht vergessen werden, daß es im Grunde die Photoperzeption der Haut ist, die uns diese Untersuchungstechnik erlaubt. Bei einer sogenannten Null-Perzeption auf Hoch- und Niederfrequenz ist eine Lateralitätsbestimmung aurikulomedizinisch nicht möglich“ (Seite 55).

Alles klar oder?

Die eigentliche Erklärung erfolgt im Buch aber erst auf Seite 68, nämlich daß die Stimulation mit Weißlicht einen V. A. S. auslöst und das Fehlen dieses V. A. S. eben eine Null-Perzeption ist. Nun erfahren wir auch erst von der Wichtigkeit der Weißlicht-Null-Perzeption: Nämlich, daß bei ihrem Vorhandensein eine weitere Diagnostik im Rahmen der Aurikulomedizin sinnlos ist, jedoch nicht eine reine Aurikulotherapie.

Aus meinen Ausführungen ersieht man, daß die systematische Abhandlung etwas zu kurz gekommen ist und die Anordnungen, auch z.B. der Indikationshinweise etwas unübersichtlich ist, so daß man manchmal nicht weiß, auf was sich der Hinweis bezieht oder wo man die entsprechende Erläuterung findet, denn es fehlen öfters Querverweise um Begriffe bzw. dieselbe Thematik an anderer Stelle des Buches wiederzufinden. Dies bezieht sich auch auf Erläuterungen für Begriffe, die erstmals genannt werden. Manchmal gehen auch wichtige Dinge einfach im Text unter, so daß sie mehr herausgestellt werden müßten, wie z.B. die Diagnostik eines Narbenstörfeldes durch ein sich erschöpfendes V. A. S.-Phänomen oder durch die sogenannte parasitäre Frequenz.

Der so wichtige Begriff der Photoperzeption (siehe oben) wird viel zu spät in seiner Ausführlichkeit dargestellt, so daß man am Anfang des Buches manchmal ins Schwimmen gerät, was gemeint ist. Ein Verweis auf die spätere Beschreibung wäre dort gut gewesen. Das gilt auch für andere Begriffe.

Bei den sieben Nogier-Frequenzen (die Bahr´schen werden gar nicht erwähnt) fehlt m. E. ein Bild, das mehr sagen würde als die lange Beschreibung. Ähnliches gilt für einzelne Projektionszonen an den Ohren. Vieles interessantes und lesenswertes erfährt man über die Nahrungsmittelintoleranz und ihre Testung über den sogenannten             Hyper-V. A. S., bei dem das V. A. S. auf den Reiz der Weißlichtstimulation gegen des tastenden Finger springt, wodurch das V. A. S.-Gefühl deutlich intensiver wird.

Wenn ich diesen etwas negativen Eindruck mehr herausstelle, so heißt das nicht, daß das Buch schlechter ist als das Erstbesprochene und nicht gelesen werden sollte, im Gegenteil, mit etwas mehr Mühe erfährt man soviel neues und andere Gedanken, daß dies eine Bereicherung des aurikulomedizinischen Denkens ist, wenn man sich nicht von den „Grabenkämpfen“ beider Schulen ablenken läßt.

Außerdem wurde mir bewußt, daß das Darstellen der absoluten Richtigkeit der einen Methode – wie sie jahrelang dargestellt wurde – nun einen Gegenpol erhält, der eben viele „alte“ Äußerungen relativiert.

So wird z. B. die Leistung der Lateralität und ihre Bedeutung ganz anders dargestellt oder auch die Lage vieler Ohrpunkte (z. B. Herz, Leber, Pankreas, Nase, Nasennebenhöhlen) ist different, abgesehen davon, daß das methodische Vorgehen anders ist.

Als Zahnarzt habe ich durch dieses Buch erstmals bei einer anderen topographischen Zungenzone am Helixrand erfahren in Höhe des Darwin-Punktes oder von dem so wichtigen Areal psychischer Narben am Lobulus zwischen präfrontalem Cortex und Trigeminuszone. Ein sehr interessantes Gebiet, wie ich inzwischen in der Praxis feststellen konnte.

Insgesamt gesehen ist dieses Buch trotz der größeren Schwäche aus den oben genannten Gründen mindestens so empfehlens- und lesenswert wie dies von Strittmatter, so daß das Lesen im Doppelpack Sinn macht.

Beide Bücher haben ihre unterschiedlichen ( in späteren Auflagen gut zu beseitigende ) Schwachpunkte, die aber vernachlässigbar sind gegenüber dem Informationsgewinn und den Vorteilen, die man als Praktiker aus beiden ziehen kann.

Der Anfänger ist vielleicht etwas verwirrter nach dem Lesen (wenn auch auf einer höheren Ebene). Der Fortgeschrittene ist jedoch dankbar über die vielen Anregungen in beiden Büchern.

Die Preise sind entsprechend der Ausstattung der Bücher durchaus gerechtfertigt.